Ein Herbstnachtstraum (Einleitung)

Sonstiges

Einleitung

(letzter Tag des Oktobers; Schreibstube bei Nacht; mit schweren, antiken Möbeln gefüllt; Türen zur Linken, Rechten und im Hintergrund; im Zentrum ein antiker Schreibtisch mit einer Öllampe, daran sitzend ein Schreiber)

Schreiber: So sitz' ich hier, umarmt von Nachtens dunklen Armen.
Und wieder fleh' ich Götter an, habt mit mir Erbarmen!
Ich strebe seit ich denken kann nach Erkenntnis und auch Wissen,
doch wenn Arbeit für gewöhnlich Lohne folgt, musst ich ihn schmerzlich missen.
Versuchte mich an manchem schon, doch nichts wollt' recht gelingen.
Es scheint, ich werd' mein restlich Leben mit der Such' verbringen...
Ich blicke dort aufs Pergament, mit Blut werd' ich's beschreiben.
So dass von jener dunklen Nacht es soll Erinn'rung bleiben!
(holt ein Messer aus einer Schreibtischschublade hervor und schneidet sich damit die linke Handfläche auf)
Das Blut ist ein besond'rer Saft, so sprach man's schon zu Fausten,
den einst in jener dunklen Nacht, des Teufels Recken frisch umsausten.
Wohlan, so tauch' ich ein die schwarze Feder in das nasse Purpurrot.
Nun muss der Strich mir gleich gelingen, ein falsches Wort und ich bin tot.
Ich zieh' den Kreis in einem Schwung, gleich jenem Drudenfuße
den emsig ich hinein gemalt, der schenkt mir neue Muße.
Die Zeichen schreib' ich ehrfurchtsvoll aus jenem Follianten ab,
den einst ich fand in Winternacht in jenem finst'ren alten Grab.
Wenngleich der Diebstahl mir bewusst, so wird’s dem Knochenmann wohl auch nicht fehlen.
Behandle ich's doch sorgsam gar und würd' es nie verhehlen.
Nun denn, die Worte fehlen noch und mystische Gebärden,
ihr Fehlen würde sicherlich den Zauber mir verderben.
Nun denn...
(er rezitiert einen unverständlichen Text mit allerlei skurrilen Bewegungen)
Kein Wesen da, kein Leuchten hier?
Ein Fehlschlag ja so dünkt es mir!
Hab' ich doch alles frisch bedacht:
Das Bild, den Spruch und jene Nacht!
Sollt' etwas fehlen?!
(blättert emsig im Buch umher; dann niedergeschlagen)
Oh weh, es scheint ich ward genarrt wie's oft ja schon geschehen.
Ich rezitier' nur Possen hier und kein Gott hört mein Flehen...
Was ist? Ich fühl' mich plötzlich müd' und müder...
Ist's die Lebensmüdigkeit? So dämm're ich sanft hinüber...
(auf dem Schreibtisch einschlafend)

(die Tür zur linken öffnet sich; es tritt ein ein Mann in edlen Stoff gewandet, mit langem schwarzen Haar, sein Gesicht bleich und eher feminin, seine Augen rot funkelnd; er geht in elegantem Schritt zum Schreiber und bleibt neben ihm stehen)
Wohlan, da bin ich nun dem Ruf gefolgt so schnell mir's möglich war
und was sieht mein Auge nun, Beschwörers Geist er ist nicht klar.
(eine Flasche Absinth auf dem Tisch musternd)
Wer bin ich wohl, das fragt man sich und schwer ist's zu umschreiben.
Ich frage mich auch momentan wo die and'ren bleiben.
Ich bin der jüngste meiner Art und auch der Letztgebor'ne.
Mein Vater war ein Untier wohl, mit fürchterlichem Horne.
Doch liebe ich das Rohe nicht, es ist mir recht zuwider.
Der Kampf ist mir ja oft zuviel, er zieht in alle Glieder...
Ich lob' mir da Festivität und mit Weibern Tanz und Trunk,
ich liebe ja das Edle nur und gülden glänzend Prunk.
Ich bin der schönste gar in unser'm Land,
wohlan nennt mich Nehiliant!
(kichert und verschwindet durch die Tür zur Rechten)

(die Tür im Hintergrund öffnet sich; ein entstelltes unförmiges Wesen ist schemenhaft zu erkennen und spricht mit gurgelnder Stimme)
Da liegt er nieder.
Streckt die Glieder.
Kehrt er wieder?
Ich rieche Blut.
Das macht mir Mut!
Nun lauscht recht gut!
Ich bin der Zweite,
der unförmig breite.
Mein Geist zumeist in der Weite,
manchmal auch hier
und dort, wie ein Tier
läuft er herum im großen Revier!
Verrückt, nein nein!
Mein Geist ist nicht so klein
wie der eure, er ist rein
und groß und wunderlich,
entstellt und fürchterlich,
Udriel nennt man mich!
(die Tür schließt sich schweigend)

(die Tür zur Rechten öffnet sich; eine Gestalt in langer schwarzer Kapuzenrobe schwebt herein; das Gesicht ist verwest und eingefallen, in den dunklen Augenhöhlen leuchten rote Punkte; eine Stimme erschallt langsam und monoton ohne dass er seinen Mund bewegt)
Der Dritte ist erschienen...
Er will dem Meister dienen...
Er beachtet nicht mein Wesen...
Sollte er wohl lesen...
Nein, der Schlaf hält ihn gefangen...
in Ebenen in die wir nicht gelangen...
Doch lob' ich diesen ruhigen Körper den kein Leben zu durchdringen scheint...
Der Tod ist ein Akt der Gnade wohl, wer stirbt der wird beweint...
Doch nicht aus Leid, vielmehr aus Neid vergießen alle Tränen...
Die Toren wollen weiter leben und sich so dann grämen...
Im Tod nur kann doch Frieden herrschen, im Tod sind alle gleich...
der Bauer gleich dem König wohl, und gleich sind arm und reich...
Ich liebe nur die Toten...
Und meine Kinder, seine Boten...
Aus Tod quillt neues Leben...
Ich will es ihm vergeben...
Ich glaube bald ist jener wach...
meine Name sei für ihn Artach...
(entfernt sich durch die Tür zur Linken)

(die Tür im Hintergrund schwingt auf; eine finstre Gestalt in Stachel und klingenbewehrter Rüstung tritt mit wuchtigem Schritt herein; der Kopf ist unter einem Helm versteckt; er spricht mit unmenschlicher Stimme)

Erschienen
bin Ich, der erste, zu dienen meinem Meister.
Ich bin der Vierte und auch ein viel Gereister.
(den schlafenden Schreiber musternd)
Schlaf
umhüllt ihn ganz und gar.
Sieht wohl was kommen wird und früher war.
Zeit
ist noch, er soll nur ruh'n.
Schon bald gibt es genug zu tun.
Finsternis
umhüllt mein Wesen, Schatten trag' ich im Herzen.
Ich fühle keine Freude und fühle keine Schmerzen.
(er nimmt den Helm ab; sein Gesicht ähnelt dem des Ersten, wirkt jedoch männlicher)
Fürst
mein Titel, ich bin des Vaters rechte Hand.
Nocthurn fürchtet man im ganzen Land!
(er entschwindet durch die hintere Tür)

(die linke Tür öffnet sich; ein Mann in einem langen Ledermantel mit einem breiten Krempenhut tritt herein; das Gesicht ist durch den Hut verdeckt)

Tritt ein, tritt ein, bring Glück herein.
So spricht man's unter Menschen.
Und wo man unter Menschen ist, soll fremder Brauch der uns're sein.

Schau an, da liegt er und ruht in seiner Mitte
während Nachtgespenster im Raume wandeln
und vernimmt doch keine Schritte.
(den Schreiber musternd)

Mir scheint von Dauer ist der Zustand noch
bis wach er uns erblicke,
dann spann ich mich vor Meisters Joch.

Doch warten ist noch angebracht
und warten leid' ich sehr,
ich zieh' hinaus in finst're Nacht!

Wohlan, als fünfter erschien ich in dieser Welt.
Ignatius soll er mich nennen!
Der Name den ich selbst gewählt!
(entschwindet durch die rechte Tür)

(eine Stimme gleich säuselnd Engeln hallt leise durch den Raum)

Schaut ihr Wesen in der Nacht, wie er ruht gleich einem Kinde still.
So friedlich wirkt sein Wesen nun, das Wesen das mir einst gefiel.

(aus einer finsteren Ecke tritt ein junges Fräulein, mit schwarzem Haar von großer Schönheit, ein rotes Kleid tragend)

Ich bin es, erkennst du meinen Anblick wohl nicht mehr?
Ach nein, ich denk' dir ist der Kopf nur viel zu schwer
von vielen Gedanken die den Geist zerstreuen in die Ferne.
Erinnerst du dich noch, einst hatten wir uns gar zu gerne...
Das Schicksal hat uns zusammengebracht
durch Zufall jene stürmisch Schicksalsnacht.
So haben einst in liebender Umarmung uns're Seelen zueinander gefunden,
doch Schicksal wollte es anders haben und hat uns nur recht kurz verbunden.
(sie streicht dem Schreiber sanft über das Haar; dieser wirkt Unruhig in seinem Schlaf)
Viel ist geschehen während Chronos Macht die Erinnerung stahl
und warf in des Styx finsteres tiefes gähnendes Tal...
Er scheint zu erwachen, doch der Zeitpunkt soll nicht dieser sein
an dem er mich erblicken sollte in dunkel flackernd Kerzenschein.
(sie eilt durch die hintere Tür, dabei eine andere herannahende Gestalt anrempelnd)

Weh' weh', was war das? Mein Fräulein, warum die Eile?
Ach je, nun ist sie fort, doch ich bin da und ich verweile.
(die Gestalt tritt herein; ähnelt stark dem Schreiber; trägt ein teures dunkles Adelsgewandt)
Schau an, da liegt er nun windend und harrend der Dinge die kommen sollen.
Ich glaube er ist verwundert, wenn seine Augen mich erst recht erblicken wollen.
Das Stehen ist mir gar nicht recht,
so schnapp' ich einen hölzern Knecht.
(nimmt einen Stuhl; setzt sich gegenüber dem langsam erwachenden Schreiber an den Schreibtisch)
Schreiber: Oh Weh, welch' finst're Traumgespenster marterten mich in Morpheus Umarmung,
welche böser Mar suchte nach meines Lebens süßem Kelch und schickte schlechte Ahnung?
Mir scheint es war zu viel des Tranks, er streckte mich nieder
gleich einen besiegten Kämpfer des Geistes, ermattend meine Glieder.
Der Kopf er schmerzt, gleichwohl die Hand, die sinnlos ich verletzte
als in meinen Fantastereien die Struktur der Welt sich schon vernetzte.
Weh mir Tor der dachte, das Erkenntnis in finst'rer Magick läge...
Oh, was für Einsicht in die Existenz ich nicht alles gäbe!
Fremder: (leise zu sich)
Mir scheint er will erkennen und sieht nicht einmal was vor ihm sitzt.
Wahrlich von Torheit ist zu sprechen bei jenem der aus Wissensdurst die Hand geritzt.
(nun laut)
Nun denn mein werter Freund, mir scheint Begrüßung ist euch kein würdig Brauch.
Doch verstehe ich die Ermangelung leerer Worte gut und halt es bei dem Mangel auch.
Doch mir scheint, das zumindest ein wenig Beachtung ihr mir zuteil werden lassen könntet...
Schreiber: (verwirrt den Fremden erblickend)
Was war das, mir scheint fremde Stimme drang an mein Ohr!
Fremder: (zu sich)
Wohl eher die eig'ne werter Tor...
Schreiber: Mich wundert weiterhin,
wann ich stellte den Spiegel auf den Schreibtisch hin...
Fremder: Schau an, nun bin ich schon ein Spiegel für den Herrn,
statt dass Beachtung ich erhalte, nennt Spiegel man mich und hält mich von der Selben fern!
Blick an mein Antlitz und erkenne die Torheit deiner Sicht!
Wenngleich ich dir auf's Haare gleiche, ein Spiegel bin ich nicht!
Schreiber: (verwirrt)
Wer seid denn ihr?!
Fremder: Bin du...
Schreiber: Seid ich?!
Fremder: So sei's.
Schreiber: Wie wunderlich!
Fremder: Dem zumindest stimm' ich zu.
Schreiber: Welch Wesen seid ihr und wie kamt ihr hinein?
Alle Türen, alle Fenster müssten wohl verriegelt sein!
Fremder: Solch Kleinigkeit interessiert uns Wesen kaum,
wir wandeln fern von Zeit und Raum.
Schreiber: Was geschieht hier nur, welch seltsam Ereignis nimmt seinen Lauf?
Fremder: Beschworest uns ja selbst herauf.
Nun will ich ein wenig mehr erzählen
und euch nicht mehr mit Unwissenheit quälen.
(sich erhebend und mit wichtigen Gebärden auf und ab gehend)
Wir sind Geister, Äthers kleine Kinder, ungebunden an deinen Raum,
du magst unser Wesen ergründen zu suchen, gelingen wird es dir kaum.
Wir sind auf deinen Wunsch nun hier, zu folgen deinen illustren Wünschen und Befehlen.
Wenn du es wünscht, wollen wir wohl zündeln, morden und auch stehlen.
Doch sei dir eines stets bewusst, für uns're Tat trägst du die Bürde,
dafür schenken wir dir des Herrschers hohe Würde.
Und sind wir hier ja nur Besuch...
Bei weiteren Fragen, wende dich an das Buch.
Schreiber: Nun denn, so scheint's das letztlich der Spruch mir doch gelang!
Welche Pfade mir nun offen stehen! Doch, wo fange ich nur an?
Während meiner denkt, bis er einen Anfang kennt,
werter Geist sage mir, wie man dich nennt.
Fremder: Schau an, nun will er meinen Namen wissen.
Ich sage dir, meinen wahren Namen musst du missen.
Schreiber: Trägst wohl keinen Namen du fremdes Ätherwesen.
Doch Heimlichkeit in Namensdingen ist euch ewig schon eigen gewesen.
Fremder: Was? Was?! Natürlich trage ich einen Namen auch.
Denn alles was existieren mag, soll man benennen nach altem Brauch.
Doch allein euch mangelt es am Geiste ihn zu begreifen oder gar zu nennen.
Wenn Namen jedoch euch so wichtig scheinen, sollt ihr mich nun als Magnus kennen.
Schreiber: Brav gesprochen werter Magnus, ihr trafet gleich die wunde Stelle.
Der Geist, den ich so hoch einschätze, in meinem Besitze, ist wie's mir scheint nicht gar zu helle.
Will meinen Durst mit Wissen stillen und an Erfahrungsvöllereien mich gut laben.
Was es in dieser großen Welt zu wissen gibt... mein Geist, er muss es haben!
Magnus: Wenn dies ihr wünscht, so wollen wir es brav euch zeigen.
Des Meisters Wunscherfüllung ist uns eigen.
Doch hört, doch hört, was schallt da durch die Nacht?
(das Läuten der Kirchenglocke erschallt)
Eins.... Das Elementare, unendlich, untrennbar, endlos und klein.
Zwei... Die Dualität, geboren aus Gegensätzen, der Wandel, der Existenz Pole gar so rein.
Drei... Das Höchste,unumstößlich, Gott, Ordnung, der Existenz Wesen.
Vier... Die Welt, die natürlichen Elemente, die Dimensionen, Staub zu dem wir verwesen.
Fünf... Die Herrschaft, Licht oder Schatten, Diktatur des Geistes, Erschaffers Zahl.
Sechs... Die Gesamtheit, die wahren Elemente, die Geschichte der Götter, der heilige Gral.
Sieben... Das Leben, Gott und die Welt, Regentschaft des Wandels nach Gesetzen, die Norm.
Acht... Der Spiegel, Möglichkeiten, Chaos, zwei Welten, unterschiedlich bei gleicher Form.
Neun... Die Ewigkeit, das Übergöttliche, das in sich ruhende, Alpha und Omega., der Kreis.
Zehn... Der Kampf, Rivalität, Krieg, auf Gewalt ein Verweis.
Elf... Die unreine Zahl, Gott zwischen zwei Welten, Chaos und Ordnung, der neutrale Dritte.
Zwölf... Die perfekte Zahl, die göttliche Welt, die ewige Mitte!
Schnell! Schnell! Die Zeit ist da!
Wir müssen los, die Kutsch' ist nah!
(den Schreiber am Arm ziehend)
Schreiber: Was tut ihr nur, verrückter Hund!
Lasst ab von mir, mein Arm wird wund!
Was wollt ihr nur, was sprecht ihr von Kutsche und Zeit?!
Mir scheint ich bin noch nicht bereit!
Magnus: Eure Bereitschaft soll den großen Dingen, die Folgen werden, keinen Abbruch tun!
Schweigt und folgt! Es wird sich lohnen! Kommt ihr nun?
Schreiber: Jaja, ist gut! Nur lasst ab von mir!
Des Laufens bin ich selbst ja mächtig, lass mich doch nicht ziehen wie ein Maultier...
(die beiden verlassen den Raum durch die hintere Tür)