Ungewollt...
Ungewollt...
Wie hatte es soweit kommen können? Heute morgen war sie noch ein relativ normales junges Mädchen gewesen, gerade einmal 13 Jahre alt. Nun saß sie auf dem Bett ihrer Eltern und fühlte nicht mehr das geringste Leben in ihr. Es war als würde ihr Herz nicht mehr schlagen. Als wäre da kein Gefühl mehr in ihr, dass das Leben lohnt.
Es war wohl mal wieder ein Samstag, so wie es immer Samstags war.
Während sie unter der Woche Schülerin war, glücklich, relativ, wenn auch hin und wieder gemobbt, doch waren das, unter der Woche, ihre einzigen Probleme.
Am Wochenende jedoch war sie vorrangig Tochter, oder auch nicht.
Am Wochenende kam ihr Vater von seiner Arbeit zurück, während ihre über alles geliebte Mutter vom Schichtdienst von ihr ferngehalten wurde. Dann war es immer das selbe Muster. Ihre Mutter verließ das Haus noch bevor sie aufgestanden war. Ihr Bruder war ebenso nicht zu Hause, da er Samstags einem Nebenjob in einem Gemüsemark nachging. Dann war sie mit ihrem Vater allein...
Es war nicht so als habe er sie jemals angefasst. Doch das brauchte er auch nicht um sie noch wesentlich härter zu verletzten. Er hatte nie ein Messer gebraucht um sowohl in ihre Seele, als auch in ihre Haut zu schneiden. Seine Worte schienen ihr schmerzhafter als alles andere.
Manchmal wünschte sie er würde sie schlagen, damit sie ihn anzeigen konnte, doch hätte sie tatsächlich ihren eigenen Vater angezeigt?
Er war für sie so kontrovers, dass sie an manch einem Samstag selbst nicht mehr wusste wer sie war oder wohin sie gehörte. Sie fühlte sich entwurzelt, ungeliebt vom eigenen Vater. So durfte sich ein kleines Mädchen nicht fühlen.
Sie versuchte so sehr ihm zu gefallen. Sie stand am Morgen extra früher auf um ihrem Vater einen Tee zu kochen noch ehe er aufgewacht war und brachte ihn ihm ans Bett wenn er wach war. Sie räumte ihr Zimmer auf und dann das Wohnzimmer. Auch im Schlafzimmer sorgte sie für Ordnung, damit ihr schwer arbeitender Vater seine Wäsche nicht selbst machen musste.
Für gewöhnlich schickte er sie dann mit ein wenig Geld und einem Kuss auf die Stirn zu Becker um für die beiden Frühstück zu holen.
Doch dann begann meistens das Drama. Im Laufe der Jahre hatte die kleine sogar eine regelrechte Angst entwickelt zum Becker zu gehen, denn wenn sie zurück kam und ihm die fertig geschmierten Brötchen ans Bett brachte fing das Trauerspiel an. "Wie kannst du mich ausgerechnet jetzt stören? Es läuft Fußball! Und überhaupt, wo warst du denn bitte so lang?"
"Beim Becker waren so viele..."
"Wie kann man nur so unfähig sein! Mit 13 Jahren nicht einmal in der Lage ein paar Brötchen zu kaufen. Und wo bleibt mein Tee? Der hier ist längst kalt geworden."
Als sie zur Kanne griff um frischen Tee zu machen packte er sie am Arm und zog sie zu sich aufs Bett. Nicht so fest, dass er sie verletzt oder ihr auch nur einen winzigen blauen Fleck zugefügt hätte, doch immerhin noch so fest, dass er ihr einen ordentlichen Schrecken einjagte. Von seinem kräftigen Griff konnte sich das schwächliche kleine Mädchen nicht befreien. Eingeschüchtert und verwirrt blieb sie neben ihm sitzen. Dann gingen die Tiraden weiter von: "Du bist zu hässlich und zu fett", über: "du bist doch zu blöd für die Schule. Mit deinen Noten kannst du dich eigentlich gleich auf der Hauptschule anmelden, dann liegst du mir wenigstens nicht so lange auf der Tasche." Aber neben seinem Lieblingsspruch; "wie kann man nur so unfähig und nutzlos sein", hörte sie auch nicht selten folgende beiden: "Kinder kosten nur unnötig Geld" und "Kinder sind nur ein Nebenprodukt von Sex".
Meistens weinte sie schon, wenn er sie am Arm hochriss und sie ins Bad schleifte um sie auf die Waage zu stellen. Auch er musste bemerkt haben, dass sie durch endlose Diäten und letztlich durch erbrechen 20 Kilo verloren hatte, doch für ihn war es nie genug. Dann warf er ihr vor, dass sie ihrer hart arbeitenden Mutter niemals im Haushalt helfe und ruhig mal das Bad hätte Putzen können. Dann schrie er sie an das weinen nichts bringe und ließ sie mehrere Stunden das Bad putzen bis alles blitzte und blinkte.
Für gewöhnlich war dass das Ende seines Aufstandes. Normalerweise verließ er dann die Wohnung, umarmte sie noch zum Abschied und sagte ihr wie lieb er sie habe und drückte ihr einen Zehner in die Hand um sich ihr schweigen zu erkaufen und ließ sie allein. Doch sie hätte auch so geschwiegen schließlich glaubte sie all das seien tatsächlich nur ihre Fehler, und dass sie wirklich völlig unnütz sei, so wie er es ihr Jahre lang eingeredet hatte.
Doch heute verhielt er sich anders als sonst. Als sie mit putzen fertig war zog er sie noch einmal am Arm ins Schlafzimmer und stieß sie aufs Bett. Sie sah hilflos und irritiert zu wie er schweigend in einer Schublade seines Schreibtisches kramte. Sie fragte sich was er wohl suchte und was jetzt wohl passieren mochte. Ja sie weinte nicht einmal mehr. Dann hatte er es scheinbar gefunden, denn er drehte sich zu ihr um und legte ihr die Waffe in seiner Hand in ihre. Mit den Worten: "du bist so unnötig dass du dich eigentlich auch gleich erschießen kannst", verließ er dann die Wohnung.
Immer noch mit der Waffe in der Hand saß sie ungläubig vor sich herstarren auf dem Bett ihrer Eltern.
Das schießen hatte sie von ihrem Großvater im Schützenverein gelernt und so überprüfte sie zunächst die Waffe auf ihre Echtheit. Sie war echt! Als sie das Magazin herausnahm stellte sie fest, dass auch die Munition scharf war. Nachdem sie das Magazin wieder zurückgesteckt hatte, hielt sie sich die Waffe seitlich an die Schläfe, den Finger am Abzug, bereit zu schießen.
Wieder rannen ihr warme Tränen übers Gesicht. Mindestens zwei Stunden saß sie so da und hoffte ihr Vater würde zurückkommen und alles zurücknehmen; hoffte ihre Mutter würde nach Hause kommen und sie so sehen; doch niemand kam. Dann drückte sie ab...
Alles um sie herum wurde still, auch sie selbst. Doch nichts geschah. Der Schlaghebel war nicht ausgelöst worden. Nichts war geschehen.
Weitere zwei Stunden saß sie dort mit der Waffe in der Hand. Und wieder kam niemand nach Hause.
In ihr war nichts mehr, kein Gedanke, kein Gefühl, kein Leben, nur völlige Finsternis und Leere...